Glockengeläut morgens um acht

Gegen halb zehn kommt Julikind mit ihrem Gast und den ersten beiden Brettspielen vom Dachboden ins Esszimmer. Damit beginnt der offizielle Teil des Sylvesterabends. Die Spielanleitungen müssen wir tatsächlich nochmal durchlesen, solange ist das schon her. Bei „Schnappt Hubi“ leitet eine Stimme aus dem Kasten durch das Spiel. Die Teenager schmunzeln über die antike Technik. Ich weise darauf hin, dass das echt krasser scheiß war, damals, in 2012. Danach spielen wir „können Schweine fliegen?“. Einen kurzen Moment lang überlege ich, ob Steinböcke Federn haben, frage mich dann innerlich, ob ich das gerade ernsthaft…?, und bescheinige mir selbst den geistigen Tiefpunkt des Jahres. Noch eine Runde „memory“ und dann müssen wir uns schon anziehen, es ist nämlich richtig kalt draußen. Und glatt, stellen wir nach wenigen Schritten fest. Die erste halbe Stunde des Jahres verbringen wir mit lieben Nachbarn hinterm Haus. Angestoßen wird mit Feigenschnaps und Eierlikör.

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Der Neujahrstag ist wie immer zu nichts zu gebrauchen, Feinstaub lässt grüßen.

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Tja, da hab ich wohl Glück gehabt, wenn man so will. Ein hausärztlicher Notfall am Wochenende, ich muss arbeiten, der Liebste hat frei, so wie die letzten beiden male auch.

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Eine Nachricht im Familienchat, es gab einen Anruf aus dem Krankenhaus, letzter Aufruf. Ich würde dann nochmal hin wollen. Maikind und Julikind auch. Als ich von der Arbeit komme sind sie schon so gut wie abfahrtbereit. „Aber, ganz ehrlich“, sagt Maikind…. Alle drei haben wir ein bisschen Angst, das, was uns erwartet vielleicht nicht aushalten zu können. Es tut gut, das mal laut gesagt zu haben. Wer nicht mehr kann geht einfach raus, wer weinen muss, bekommt ein Taschentuch und niemand wird darüber irgendwas denken. Als wir ankommen ist es still auf dem Krankenhausflur. Es wird ein ruhiger Besuch, ohne Tränen. Gut, dass wir das gemacht haben.

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Weihnachten wieder eingepackt und auf den Dachboden getragen.

Berliner gebacken und gegessen.

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Der Elternchat informiert darüber, dass die Präsentationsprüfungen um eine Woche nach hinten verschoben werden. Persönliche Gründe. Der Liebste schickt die Nachricht weiter an Julikind. Sie schickt den Hirnexplosions-emoji und sitzt 5 Minuten später bei uns auf dem Sofa. Wir haben Verständnis für persönliche Situationen, im Moment. Die letzte Ferienwoche hätte man allerdings auch anders… naja, zwei Tage bleiben ja noch.

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Zwei Weihnachtsbesuche gäbe es noch zu erledigen, einer davon könnte schon mit einem Geburtstagsbesuch kombiniert werden.

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Ob es etwas neues gibt, erkundigt sich Märzkind. Nein. Aber wir rechnen da jederzeit mit einem Anruf, ob sie nochmal hin möchte, frage ich nach. Sie würde gern. Julikind wollte sowieso mal in die Stadt, spontan machen wir uns also auf den Weg. Die Atmosphäre im Krankenzimmer ist heute völlig anders. Jemand hat eine kleine Lampe hingestellt und eine Kerze, der Blumenstrauß von letzter Woche sieht traurig aus, leider gibts im Krankenhaus keine zu kaufen, wir könnten auf dem Rückweg noch welche vorbeibringen, überlegen wir. Eine Krankenschwester bittet uns, bescheid zu geben, wenn wir gehen, dann würden sie wieder häufiger vorbeischauen, aber solange wir da sind, wird niemand stören. Wir ziehen die dicken Winterjacken aus, setzen uns und fangen an, uns zu unterhalten. Über Geburtstage, Beerdigungen, Erinnerungen an andere Großeltern, Besonderheiten der letzten Wochen und das Wetter, ganz normal, wie wir das auch bei der Oma in der Küche getan hätten. Zwischendurch halten wir zweimal inne lauschen und beobachten, aber alles gut. Als die Tür aufgeht stehe ich schnell auf, weil ich auf dem Tisch sitze, und das tut man ja eigentlich nicht. Die Marburger Verwandschaft kommt und ist in einer völlig anderen Stimmung als wir. Wir machen eine kurze Übergabe und verabschieden uns von der Oma, auch ganz normal, heute war es nämlich schön hier und es hat gut getan, nochmal so zu sitzen.

Als wir gerade vom einkaufen nach Hause kommen informiert eine Nachricht im Familienchat, dass die Oma gestorben ist. Eine knappe Stunde nachdem wir weg waren. Die Blumen hatten wir ganz vergessen, fällt uns ein, aber das war ja dann egal.

Abendessen bei den Eltern in der Küche. Es gibt eine Gedächtnis-Wurstplatte, denn die Oma mochte mehrere Wurstsorten am liebsten. Wir erzählen vom Tag und schauen alte Fotoalben an, die der Vatta aus Omas Schrank mitgebracht hat. Julikind ist ehrlich interessiert und beeindruckt, die könnte sie ja vielleicht auch mal in der Schule zeigen. Geschichte mit echten Menschen, ist irgendwie anders, als im Buch.

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Am nächsten Morgen läuten die Glocken, morgens um acht. So wissen alle, das am Vortag jemand gestorben ist..Der Liebste und ich schaufeln dabei andächtig zehn cm klatschnassen Schnee aus der Auffahrt. Denn für Leute die Zeit hatten, sich mit anderen Nachrichten zu beschäftigen war auch noch apokalypthisches Winterwetter im Angebot, von dem wir aber, ausser diesen 10cm Schnee nichts mitbekommen haben.

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2026 hat noch Luft nach oben.

Jahresende 2025

Einen Nachmittag lang haben wir bei der Freundin in der Küche gesessen, uns nett unterhalten und Waffeln gegessen. Das hat gut getan.

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Am vierten Advent essen wir einen Vogel, das hatten wir schon im Sommerurlaub so verabredet. Der Liebste kocht seit den frühen Morgenstunden, mit Liebe, ein bisschen vielleicht zur Entspannung und mit Vorfreude. Schön ist das. Auch, weil ich nichts muss. Nach und nach tauchen die jungen Menschen auf und um 13 Uhr können wir essen. Hätten wir das als Uhrzeit geplant, es wäre nie im Leben so ausgekommen. Ein gemütliches Mittagessen und ab hier weihnachtet es dann wirklich. Früher gehörte zur Tradition ein gemeinsamer Spaziergang, heute haben sie aber alle noch was vor und das macht nichts. Der Liebste und ich verbringen den Sonntag nachmittag auf dem Sofa und gucken „leave the world behind“. Er sieht einen dystopischen Thriller und ich einen interesanten Gruselfilm. Das Terassenlicht geht an, es stehen Hirsche im Garten, Gruselmusik, das Licht geht wieder aus. Ich: „Alltaaaa, ich hoffe mir begegnen in nächster Zeit keine Hirsche im Wald.“ Er: „Hä? Wieso?“

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Wir bekommen einen Geschenkkorb, mit lieben Dankesworten, von einer Freundin des Julikinds und deren Mama, für etwas, das keine Mühe gemacht hat, aber offensichtlich eine Hilfe war. Alle freuen sich, weihnachtliche Umarmungen.

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So, vier Tage noch, da könnte man doch eigentlich mal einen Plan machen. Zeitverzögerte Kommunikation mit meiner Cousine. Sie richtet die andere Heiligabendverstaltung aus und an einer von beiden wird die Oma aus dem Städtchen teilnehmen, wobei sie auch alleine feiern könnte, wie sie mehrfach betont hat. Wir sind uns einig, dass das keine Option ist. Die Oma möchte einfach keine Umstände machen, niemandem, es ist kompliziert. Meine Cousine bietet eine Nachmittagsveranstaltung an und es wäre wirklich kein Problem, sagt sie. Auch hier wäre es kein Problem, allerdings, unter den diesjährigen Umständen, entscheide ich spontan, wäre es toll, wenn das so gehen könnte, nehme ihr Angebot an, und teile anschließend meiner Mudda mit, dass es jetzt so ist. Sie ist sehr erleichtert, denn sie könne ja schlecht Gäste zu mir einladen und wusste auch nicht recht… Ich schicke der Cousine noch eine Nachricht, lachende smileys auf allen Seiten. Eigentlich war es ganz einfach.

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Wenn fast alle bis zum letzten Tag arbeiten, passiert Heilig Abend nicht von alleine. Es gibt eine recht lange to-do-Liste, ungewohnt aber es funktioniert.

Ein angenehm weihnachtlicher Gottesdienst. Der Pfarrer bedankt sich am Ende, dass wir Heilig Abend in die Kirche gekommen sind und das ganze Jahr über Kirchensteuer gezahlt haben. Das ist neu, man wünscht fröhlich Frohe Weihnachten.

Es ist richtig, richtig kalt draußen. Auf den paar hundert Metern von der Kirche bis nach Hause friere ich mir fast die Ohren ab und wundere mich darüber.

Kartoffelsalat, „billige Brötchen“ mit verschiedenen Dipps, Pfefferbeißer, Mettbrötchen, Käseplatte, ein Pfirsichsahnetraum zum Nachtisch, dazu Marzipankartoffeln, Plätzchen, Gummielche und Marshmallow-Schneeflocken, Geschenke-Gewusel, Freude über gewünschtes und gute Überraschungen, eine Runde „was bin ich?“ endet um halb zwölf.

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Am ersten Feiertag sitzen wir in fast genau der gleichen Besetzung wie letztes Jahr am kleinen Tisch bei Schwiegermutter im Wohnzimmer – vor der Musik. Dieses Jahr ist Panflöte im Angebot. Ob man das nicht vielleicht ändern könnte, fragt die Schwägerin. Sicher, wenn sie sich traut, sagen die, die letztes Jahr auch hier gesessen haben. Sie steht auf und sichtet das Angebot an CD`s. Es dauert eine Weile. Vogelstimmen wären im Angebot. Wir schütteln mit dem Kopf, „haben wir versucht, letztes Mal, fällt auf“. „Nagut“ sagt sie und wechselt die CD. Die Teenager gucken leidend. „Gleich wirds besser“, „gleich rockt das, pass auf“, wird zum geflügelten Wort des nachmittags.

Bis zum Kaffeetrinken hab ich durchgehalten, aber zu Hause geht`s direkt aufs Sofa. Schnupfen des Todes, Kopf- und Gliederschmerzen. Alle für den zweiten Feiertag geplanten Besuche werden verschoben.

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Zwischen den Jahren ein Arbeitstag, der beeindruckt.

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Ein Besuch im Krankenhaus mit Märzkind zusammen. Nachdenklich gehen wir zurück zum Auto. Man kann nicht helfen. Ich bringe sie zum Bahnhof und fahre einkaufen, wie alle anderen auch, stelle ich auf dem Parkplatz fest.

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Heute abend Kleinigkeitenbuffet und Kartenspiele, wahrscheinlich. Tschüß 2025.

Alles Gute zum neuen Jahr!

Weihnachtsstimmungen, zweiter Teil

Mein umgekehrter Adventskalender hatte vielleicht schon 24 Türchen bzw Tonnen. Ich habe mehrere Kleidungsstücke in die give box getragen und einige so klein geschnitten, dass sie eine zweite Karriere als Öltücher in der Garage machen können, mehrere Bücher weitergegeben, vier Handys wurden zur passenden Entsorgungsstelle mitgenommen. Ich habe einige Kontakte aus der Telefonliste gelöscht, außerdem jede Menge emails und Fotos mit nutzlos gewordenen Informationen, eine größere Menge Altpapier vom Dachboden entsorgt und zweimal Sperrmüll bestellt, für die wirklich großen Teile. Fühlt sich gut an.

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Wir haben einen Baum gekauft und im Anschluss daran Bratwurst gegessen.

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Julikind hatte einen Teller frisch dekorierter Plätzchen in der Küche stehen lassen, damit sie trocknen können. Abends ist der Teller leer. Sie wundert sich, wie sowas sein kann? Die waren lecker, erklärt Maikind. Ob eigentlich irgend jemand eine Ahnung hat, wieviel Arbeit sowas macht? fragt sie nach. Ja sicher. Alle nicken anerkennend.

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Vom Weihnachtsoratorium wird uns wohl hauptsächlich das grelle Licht und die unbequemen Sitzmöbel in Erinnerung bleiben. Das macht nichts, denn es ging bei dieser Veranstaltung ja um die gemeinsam verbrachte Zeit. Danach waren wir noch auf dem Weihnachtsmarkt. Märzkind und Schwiegermutter genossen die Atmosphäre, Julikind und ich beobachteten das Ganze interessiert. Wir haben alle gut gegessen und ich hab sogar was gekauft. Been there, done that, got the t-shirt, quasi.

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Ich will kein Corona haben, auf keinen Fall, das wäre das letzte, was uns jetzt noch fehlt, da sind sich alle hier einig. Wir meiden also den Großelternhaushalt und besuchen nicht die Omma im Krankenhaus. Die Berichte über ihren Zustand machen allerdings nachdenklich. Und als der Liebste es laut ausspricht ist die Antwort auf einmal ganz einfach. Ich würde da schon nochmal hin wollen, und wenn das so ist, kommt er mit, sagt er. Während wir Kittel, Handschuhe, FFP2 Maske anziehen überlegen wir, wann wir diese Kombi zuletzt… ist zum Glück schon länger her, aber man erinnert sich gut. Vor zwei Wochen habe ich die Omma zuletzt gesehen. Es wirkt, als wäre es Jahre her. Alles an ihr hat sich verändert, aber mit meinem Namen kann sie was anfangen, zwei Minuten lang, dann siezt sie mich. Wir verlassen das Krankenhaus in Hoffnung auf baldige Besserung, und sind froh, dass wir da waren. Wir haben den allerbesten Tag für einen Besuch erwischt.

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Überall werden die immer gleichen Zuckerguss überzogenen Gemütlichkeitskonsum Weihnachtslieder gespielt. Ich kanns nicht mehr hören. Gerade als ich überlege, wo ich denn mal unbeobachtet mit der Stirn gegen eine Wand klopfen könnte, spielen sie doch tatsächlich „fairytail of new york“, nicht die orginal Version, aber immerhin. Die Zeile mit den Flüchen singe ich leise mit, wie andere Leute den refrain von „last christmas“. So. Es geht wieder.

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Montag vormittag ein Besuch in einer Facharztpraxis wegen der einen Sache, Montag nachmittag im Krankenhaus wegen der anderen. Danach sitzen wir bei den Eltern in der Küche. Der Adventskranz leuchtet und wir überlegen mal, nur so für den Fall des Falles, wie viele Leute denn wohl zum Trauerkaffee kommen würden. Eigentlich ein gemütliches Beisammensein. Es ist eben wie es ist, dieses Jahr.

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Der Flur soll gestrichen werden. Alle Farben der Baumarkt Farbmusterwand stehen zur Auswahl, wir müssten uns für eine entscheiden. Der Liebste schlägt gelb vor. Ich wäre für ocker oder sandfarben, markiere den Bereich in der Farbpalette und reiche das Bild zurück. Ja gut, sagt er, dann sind wir uns doch einig, denn welche Art von gelb genau ist ihm egal.

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Der Elternbeirat informiert per Sprachnachricht über eine Sachlage. Der Liebste und ich tauschen einen Blick und würdigen kurz den Augenblick, denn uns betrifft es nicht. Wir haben kein Problem. Das ist schön.

Advent, Halbzeit

Als ich abends nach Hause komme, steht das Sofa vor weiß gestrichener Wand, der Fernseher gegenüber. Auf dem Sofa sitzt Julikind und lächelt. Gemeinsam staunen wir einen Moment darüber, wie groß dieser Raum eigentlich ist, und wie gemütlich das alles aussieht. Es fehlen noch zwei Leisten und die Bilder an der Wand, aber dann ist alles wieder so, wie es mal war, vor 18 Monaten, als diese ausserplanmäßige Renovierung begann.

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Das Kind braucht einen Facharzttermin sagt die Hausärztin für morgen, spätestens übermorgen. Wir verlassen die Praxis mit einer Überweisung. Am Abend des nächsten Tages sind der Liebste und ich beide mental erschöpft aber, zusammenfassend kann man sagen, sie hat einen Termin für den übernächsten Tag bekommen.

Es brauchte nur drei Telefonate mit der Fachpraxis, die Anmeldung in einem Medizinportal über das man theoretisch ein Foto hätte übersenden können, eine Fahrt ins Städtchen zum Foto zeigen auf Mobiltelefon am Tresen der Facharztpraxis, ein Telefonat mit dem Krankenhaus zwecks Ausstellung eines Arztbriefes und die Abholung des Arztbriefes am Tresen der Notaufnahme, wo die ganze Geschichte vor 10 Tagen begann (auf Papier naürlich, denn es zu diesem Zeitpunkt nicht weitergeholfen den an die Haussarztpraxis zu faxen, denn gebraucht wurde er in der Facharztpraxis) Alles ist gut, sie hat zur richtigen Zeit bekommen was sie brauchte, und darüber sind wir froh und dankbar. Aber, man fragt sich ernsthaft, wie man das hätte regeln sollen, wenn der Liebste nicht zufällig frei gehabt hätte. Beim nächsten Hausarztbesuch ist der Arztbrief da, war heute in der Post, sagen sie. (Post im Sinne von Papier in Briefumschlag). Tja.

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De Omma ist krank und muss ins Krankenhaus. Dort würde man sie nach wenigen Tagen gern entlassen, eine Geschichte gegen die unser Erlebnis wie Ponyreiten im Sonnenuntergang aussehen lässt.

Veränderungen stehen an, zum Guten wahrscheinlich, aber erstmal ist es eben wie es ist.

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Weihnachtsmusik der krassesten Sorte schallt aus der Küche. Der Liebste und ich tauschen einen leicht gequälten Blick als wir gewhamt werden, aber wir sind tapfer. Die Kinder haben es „schön adventlich“, backen Plätzchen, alle zusammen und räumen danach sogar auf. Große Kinder sind toll.

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Je mehr Weihnachtsbäume mir im adventlichen Alltag begegnen, desto weniger erinnere ich dieses ultimative Weihnachtsgefühl der früheren Heilig Abende, dass ich sonst damit verbunden habe, was eigentlich schade ist.

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An einem Nachmittag kommen drei verschiedene Versanddienstleister. Pakete, Pakete, Pakete. Ich staple sie nach an verschiedenen Orten.

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Nikolaustag hat sich verändert. Ich habe Geschenke von Kolleginnen bekommen, schöne Geschenke, mit Liebe, obwohl ich gerade mal 6 Wochen da arbeite, und mich ehrlich gefreut. Ich mag die auch alle gern, hatte aber natürlich nix dabei, weil – ich hatte ja keine Ahnung. Vormittags kam ein Nikolaus und hat die Gäste beschenkt. Es war sprichwörtlich froh und munter. Ich hab gestaunt, wie viele Erwachsene ein Foto mit Nikolaus machen wollten. Schön war das.

Abends kamen null kleine Nikoläuse zum Süßigkeiten sammeln. Könnte am Regenwetter gelegen haben, oder Halloween hat gewonnen, man weiß es nicht.

Der Bär sah von der Haustür aus betrachtet aus, wie ein 2 Meter großes Gummibärchen, hat mir gut gefallen.

Weihnachtsstimmung oder so

Mit vereinten Kräften wurden die Fische über die Hitzetage im Sommer gerettet, rückblickend war das schon ein ziemlicher Aufwand, man wird sich da vielleicht was überlegen müssen, für die Zukunft, sagt der, dem der Teich gehört, aber alles in allem hat es sich gelohnt. Also, für uns auf jeden Fall. In netter Atmosphäre essen wir die Fische heute, frisch geräuchert, und unterhalten uns dabei mit den anderen am Tisch darüber, dass es schon ein bisschen verrückt ist, Mitte November im Garten zu sitzen, aber schöner wars im Sommer auch nicht.

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Ich hatte was bestellt, im Möbelladen. Die fröhliche Frau hinter dem Tresen erinnert sich an unser Telefonat und macht sich auf den Weg ins Lager. Ich frage mich währenddessen, ob ich sie von irgendwoher kennen müsste. Nein. Das selbtverständliche duzen scheint hier Teil der Firmenidentität zu sein, und wirkt eigentlich ganz sympathisch. Vorname und Du finde ich OK, Vorname und Sie oder Nachname und Sie auch. Nachname und Du, wie es in meinem letzten Job üblich war, fand ich die ganz über irgendwie doof, und das fällt mir gerade erst richtig auf, während ich so rumstehe und warte.

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Es hätte mich schon mal interessiert, andererseits, brauche ich das wirklich? Für irgendwas? Nachdem ich zwei apps installiert habe, mich per Personalausweis identifiziert, meine email-Adresse verifiziert und den code eingegeben habe, den man mir per Post an meine Wohnadresse schickte, stellt die App sich dumm. Irgendwas hat nicht funktioniert. Es ist mir ein Rätsel. Ich verfüge über digitale Grundkenntnisse, spreche fließend deutsch, kann sinnerfassend lesen, bin durchschnittlich intelligent, aber offensichtlich nicht in der Lage meine elektronische Patientenakte einzusehen. Dann eben nicht.

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Der Liebste darf wieder ganz ohne Krücke laufen. Juhu!

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Die Oma aus dem Städtchen ist gestürzt, liegt im Krankenhaus, meldet der Familienchat. Es gehe schon wieder ganz gut, sagt de Mutta, sie sind über den Flur gelaufen, niemand versteht, warum die Oma so lange dort bleiben soll. Zwei Tage später ist de Mutta krank, Corona. Der Vatta zieht wenige Tage später nach. Sehr milder Verlauf, aber es ist ihr erstes Mal und sie sind doch erstaunt wie man sich so fühlt, dabei.

Mein Auto macht ein Geräusch vorne rechts. Nach jedem noch so kleinen Schlagloch rechne ich mit einem Achsbruch. Der Liebste nimmt es mit in die Werkstatt, die auf seinem Arbeitsweg liegt. Wir machen einen Plan, zum Rücktransport, nur für den Fall… Die Werkstatt entfernt ein Stück abgebrochener Feder, funktioniert auch so, bis das Ersatzteil da ist und jemand Zeit hat.

De Omma möchte üblicherweise sofort nach dem Abendessen ins Bett, aber eigentlich möchte sie vielleicht heute lieber noch im Sessel sitzen, sagt sie. Soll mir recht sein. Ich hole eine Wärmflasche aus dem Bett, lege sie neben die Oma in den Sessel, reiche eine Wolldecke und lasse mir die einzig wahre Methode des zudeckens erklären. Das Gespräch des Tages besteht aus ungefähr 6 Sätzen, und spielt in drei verschiedenen Jahrzehnten.

Julikind hat da was, es wird schlimmer, Sonntag morgen fährt der Liebste mit ihr zum hausärztlichen Notdienst, abends holen wir sie im Krankenhaus wieder ab, frisch operiert. Einen leicht restsedierten Verwandten 24 Stunden lang zu überwachen gehört ja zu jedem Jahr dazu.

Der Advent darf jetzt gerne langweilig werden, bitte.

Ziellinien in Sicht

Ein nettes Gespräch über jahreszeitlich bedingte Verletzungen. Ich hab mir ein Stück Maronenschale unter den Fingernagel des rechten Daumens gerammt, bis ins Blut natürlich. Maikind ist beim Radmuttern nachziehen ein bisschen abgerutscht. Ist halt so. Für November erwarten wir irgendeine Schramme aus der Kategorie „bisschen paddelig gewesen beim Holz holen“ , und dann schon die ersten Schlürfwunden von winterlichen Heißgetränken.

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Die Weihnachtsmänner sind angekommen im Lebensmittelladen. Ich gehe einmal um die Pappaufsteller-Regal-Insel und sichte das Angebot. Eigentlich kaufe ich ja nix, wo Weihnachten drauf steht, aber ich kenne jemanden der sowohl Weihnachten als auch diese Schokolade gerne mag und sein Geschenk ist noch nicht komplett, da könnte man vielleicht eine Ausnahme… Ich nehme also Weihnachtsmann. Nach zwei Metern Weg hat mein Hirn die Informationen des Preisschildes verarbeitet, ich drehe mich wieder um und stelle den Weihnachtsmann zurück. Auf der anderen Seite der Regalinsel tut eine Frau zeitgleich genau dasselbe. Unsere Blicke begegnen sich. Wir schütteln beide mit dem Kopf, müssen dann ein bisschen grinsen, weil diese Situation so fast filmreif verrückt ist, stellen dabei fest, das wir uns ja kennen und unterhalten uns kurz, über Schokoladenpreise zu Weihnachten und dass man das alternativ auch einfach weglassen kann. Schön war das. Grüße an Team Grinch.

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Der Raumausstatter kommt auf einen Kaffee vorbei, weil er gerade in der Gegend war und der Liebste krank geschrieben ist und keine Zeit zum Telefonieren war. Schön war das.

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Der Liebste bekommt zwei Wochen Verlängerung, darf aber wieder mit halber Belastung, immerhin.

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Der Steinmetz trägt eine letzte Schicht Lehmputz auf die Wand auf, um die entstandenen Risse zu füllen. Wenn die dann trocken ist, wird gestrichen und vielleicht haben wir bis Weihnachten wieder eine ganz normale Wand.

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Eine halbe Stunde mit der Oma in der Küche gesessen, Stollenkonfekt gegessen und fünf mal hintereinander das gleiche kleine Gespräch geführt. Es war gemütlich und passte gut zu meinem mentalen Zustand.

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Der letzte Arbeitstag ist einerseits so herzlich, dass ich um ein Haar rührselig geworden wäre, andererseits ein guter Tag zum Abgewöhnen. Ich verlasse das Gebäude mit einer Tasche voll Blumen und Geschenken und mit pochenden Kopfschmerzen und klingeln in den Ohren. Hach.

Am frühen Abend dann Korrektur lesen der Abschluss-Prüfungs-Hausarbeit des Julikinds. Die Oma druckt alles aus und damit ist der schriftliche Teil zur Abgabe bereit. Juhu!

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Der erste Arbeitstag im neuen Job ist so ganz anders. Ich bin fix und alle, aber eigentlich auch fröhlich.

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Märzkind kommt vorbei und hätte wohl Zeit, Weihnachtskarten zu basteln, sagt sie. Das ist gut, weil alleine hätte ich keine Lust. Wir überlegen, wer denn alles eine bekommen soll, suchen Material zusammen und breiten alles auf dem Esstisch aus. Der Liebste hilft beim Zuschnitt und klebt mit halbherzigem Engament Flitterkram auf. Märzkind bemängelt das, ich grinse. Sie beschwert sich, dass wir das garnicht richtig ernst nehmen, dabei ist es doch so schön weihnachtlich. Dialoge wie bei Loriot, alle Jahre wieder.

Herbst

Herbstferien und ein paar freie Tage für mich. Alle noch übrigen Urlaubstage und Überstunden müssen ja jetzt weg. Der Plan fürs Jahresende war ein anderer, aber nun ist es eben so. Erledigung von liegen gebliebem und aufgeschobenem, es fühlt sich gut an, wieder auf der Höhe der Zeit angekommen zu sein.

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Auch in den Herbstferien gab es weniger Postkarten-ersetzende- Statusmeldungen als in den letzten Jahren. Insgesamt dieses Jahr: viele Bilder von Wanderungen, Strand, Berge, Sportevents und essen, deutliche Tendenz Richtung Norden, wenige bis gar keine Standard-Touristen-Hotspot-Fotos.

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Ob es wohl an meiner eigenen Gemütsverfassung liegt, am Wetter oder ist vielleicht der Zeitpunkt erreicht, an dem plötzlich alle Redebedarf haben? Man erzählt mir verschiedene Coronageschichten, einfach so, alle in nur einer Woche.

Die Musik zum Erntedank-Gottesdienst wird per Lautsprecher eingespielt. Es war für heute einfach kein Organist zu bekommen, der Pfarrer bittet, dies zu entschuldigen. Es ist eben leider wie es ist – und es ist ja nun nicht so, als hätten wir das noch nie gemacht, vor nicht allzu langer Zeit… freuen wir uns also einfach darüber, dass wir singen dürfen – ohne Masken, nebeneinander sitzend…

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Damals, solange ist es eigentlich noch garnicht her, hat er ein Schreiben der Dienststelle und seinen Personalausweis an der Kasse vorlegen müssen um mehrere Packungen Klopapier kaufen zu dürfen. Man kann es sich garnicht mehr vorstellen. Als die alte Dame hinter ihm dann anfing, dass das „ja wohl eine Frechheit sei“, musste er der guten Frau leider mal in aller Deutlichkeit sagen, dass er dienstlich, quasi zum Wohle aller, 60 Kinderärsche abzuwischen hat, und dass es ihrerseits eine Frechheit sei, ohne Kenntnis der Sachlage hier die Leute anzumachen. Da war dann Ruhe.

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Beim Spaziergang begegnet mir ein älterer Herr, wir wechseln drei Sätze über das schöne Herbstwetter, ich beschleunige, in der Absicht, ihn zu überholen. Er hält Schritt und erzählt mir von seiner Gesundheit und von der seines Sohnes, der ist nämlich krank, seit er sich damals gegen Corona hat impfen lassen. 500 Meter lang höre ich mir feinstes Impfgegnergeschwurbel an. Es wirkt irgendwie aus der Zeit gefallen. Ich schweige und stelle fest, dass mich das nur ganz wenig Nerven kostet. Surviving of the fittest.

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Meine Friseurin hat heute vormittag ihre Coronahilfen zurückgezahlt. Den gesamten Betrag. Vielleicht hätte sie etwas davon behalten dürfen, aber ach, sie möchte sich nicht nochmal einlesen und nochmal genau nachrechnen. Es reicht, sagt sie.

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De Omma hat direkt hinter der Haustür einen kleinen Raum. Dort steht die Waschmaschine. Außerdem gibt es eine Garderobe und Ablagefläche von Haushalts-Dingen „für draußen“, Gummistiefel, Alltagsjacken und Vogelfutter sowas in der Art. Die Familien-whatsapp Gruppe für Besonderheiten in Seniorenhaushalten meldet, de Omma habe heute morgen mit der Winterfütterung der Vögel begonnen. Leider hat sie statt Vogelfutter Waschpulver verwendet. Knapp daneben. Ein Meilenstein.

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Beim Spaziergang im Nachbarort am Wegesrand einen Jutebeutel voll Äpfel gesammelt. Eigentlich wollte ich nur ein paar, aber es gab so viele verschiedene Sorten… bio, regional und kostenlos. Eigentlich schade, dass die so rumliegen.

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Alle Autos brauchen neue Winterreifen. Man träumt kurz von öffentlichem Nahverkehr.

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Maikind saugt das obere Stockwerk mit drei Staubsaugern gleichzeitig und freut sich darüber, wie unglaublich effektiv das ist. Ich mich auch.

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Zum ersten mal in dieser Saison ist es stockdunkel, als Julikind und ich nach ihrem Training nach Hause fahren. War nicht vorhin noch Sommer? Nächste Woche wird die Uhr umgestellt, und in zwei Monaten ist Weihnachten, in acht Wochen also, und das ist gar nicht mehr lange, stellen wir fest. Sie wundert sich, wie kann sowas sein, früher, da hat es immer eeeeewig gedauert bis Weihnachten.

Ende September

Sommer war angesagt und ist eingetroffen. Am Nachmittag sitze ich in kurzer Hose und T-Shirt im Garten, alleine natürlich, allen anderen ist zu warm. Ich finds toll. Bunte Blätter fallen dann und wann neben mir auf den Boden und man hört Sägegeräusche im aus verschiedenen Richtungen. Brennholz wird geschnitten, wie sich das für einen Samstag nachmittag Ende September gehört. Die gefühlte Jahreszeit passt nicht zur gehört und gesehenen.

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SterneHerzenBrezeln aus dem September-Lebkuchen Sortiment haben meine persönliche Preisgrenze erreicht. Ich kaufe jeweils eine Packung in Zartbitter und Vollmilch und wer jetzt noch welche will, muss selber investieren.

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Es ist kalt. Nicht frisch oder herbstlich, Winterjacken kalt, ist es, als ich früh morgens die Hunderunde gehe. Frost auf den Wiesen und auf Autoscheiben, im Wald röhrt der erste Hirsch. Vorgestern war doch noch Sommer. Es gibt keine Übergänge mehr.

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Der Liebste hat ein Geschäftsessen. Er wird über kurz oder lang ein weiteres Hemd kaufen müssen, sage ich. Ach was, sagt er, aber ich hab recht.

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Maikind kauft kaputte Elektrogeräte, um sie zu reparieren. Vom Esstisch aus steuert er seinen aktuellen Patienten übers Handy, weil man das kann, bei einem Saugroboter dieser Preisklasse, also wenn denn dann – aber anscheind funktioniert wieder alles. Das Problem besteht aktuell nur darin, dass Julikind eine Zimmertür geschlossen hat und ein Planquadrat deshalb nicht erreichbar ist, „sag ihm doch, er soll Julikind ne whatsapp schicken“, schlage ich vor „naargh, dass kann er leider nicht“, sagt Maikind, „obwohl“, murmelt er, „man könnte den google-Verlauf so einstellen…“ und verlässt in Gedanken versunken den Raum. Es sollte eigentlich nur ein Scherz sein.

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Das sieht nicht aus wie ein normales Stauende. LKWs blockieren die ganze Fahrbahn, als hätten die sich abgesprochen, nur eine kleine Lücke zur nächsten Abfahrt ist frei, die wir nach nach kurzem Überlegen dann auch nehmen. Pferde auf der Autobahn, sagt die Stimme im Radio. Oh, wie gut, dass wir da nicht die ersten waren. Auf kleinen Straßen und durch dunkle Wohngebiete erreichen wir das Krankenhaus genau pünktlich. Im Foyer sammeln sich Menschen mit Rollkoffern, Taschen und Begleitpersonen, ein bisschen wie Klassenfahrt, nur leiser. Um Punkt sieben Uhr kommt eine Krankenschwester und begrüßt die Anwesenden. Bitte alle einmal die Treppe hoch in den ersten Stock, wer laufen kann, möge das tun, der Fahrstuhl ist hier. Oben an der Treppe gestikuliert sie wie eine routinierte Reiseleiterin stationäre OPs links, ambulante rechts bitte. Nach wenigen Minuten Wartezeit bekommen die Patienten ihre Zimmertüren zugewiesen, und die Begleitpersonen Infos zum Wiedersehen. Ich mache noch ein Nickerchen im Auto, frühstücke aus der Brotdose, gehe eine Weile in die Stadt, bestaune die Weihnachtsexplosion in den Ramschläden, gucke mir eine Kirche an, google den Verlauf des Pilgerwegs, für den dort ein Stempel ausliegt, esse die Reste vom Vortagsmittagessen aus einer anderen Brotbox und freue mich dabei über meine Weitsicht einfach alles eingetuppert zu haben, heute morgen um vier, denn das Angebot dieser Krankenhaus-Kantine… man weiß nicht ob man lachen oder weinen möchte. Dann sind fünf Stunden Wartezeit schon um. Der Liebste ist blass aber hungrig. Ich fahre nochmal zum einkaufen, da das Mittagessen ja schon durch ist und man hier so spontan kein Abendessen für Nahrungsmittelunverträglichkeiten anbieten können wird. Macht nix, wenigstens haben sie es bemerkt.

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Mein gerade erst verlängerter Arbeitsvertrag wird, wegen eintreten des Befristungsgrunds dann doch enden, teilt man mir mit, ob zum Ende dieses Monats oder erst im nächsten vermag aber niemand zu sagen. Ich hatte im Stillen damit gerechnet, bin aber trotzdem überrascht. Alle anderen auch.

Der Liebste kommt nach Hause, wir freuen uns, bis hierher ist alles gut gelaufen. 6 Wochen Sofa und Krücken werden folgen.

Im Gäste-WC riecht es nach nassem Laminat- Fussboden, eine schnelle Sichtkontrolle ergibt, genau was ich befürchtet hatte, da tropft Wasser, wo keines sein sollte. Man müsste mal. Ich schmeiße einen Lappen auf dem Boden und erkläre dem Raum, dass das leider alles ist, was ich im Moment tun kann. Dann ziehe ich mir eine Jogginghose an und gucke zwei Stunden lang youtube-Videos ohne Sinn und Zusammenhang.

Da fallen einem all die schönen Lockdown-Formulierungen von den Herausforderungen und Besonderheiten wieder ein.

Man wundert sich

Im Einkaufswagen liegen Weintrauben, Spekulatius und der erste Kürbis, kulinarischer Jahreszeitenwechsel.

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Passend dazu eine herbstliche Hunderunde am frühen morgen, durch Nebel im dunkeln, immerhin ist es nicht kalt. Der Hund bleibt stehen, das macht er so, wenn er Rehe sieht. Ich schaue mich um, mein Hirn braucht zwei Sekunden und fasst dann mehrere gleichzeitig gedachte Gedanken zusammen: Keine! Chance! Der schwarze Fleck da, zwanzig Meter vor uns auf dem Stoppelfeld ist ein richtig großes Wildschwein und es hat uns auch gesehen. Es grunzt einmal kurz warnend und die zwei kleineren schwarzen Flecken verschwinden sofort im angrenzenden Maisfeld, die große Sau läuft hinterher, und es sind wohl auch schon einige andere da drin. Ein Geräusch, wie wenn im Jurassic Park die Raptoren kommen. Ich bin wach. Siehste, sage ich zum Hund, deswegen werfen wir nie den Ball ins Maisfeld…

Am nächsten Morgen fahre ich ein Stück ins Feld, dahin, wo uns eigentlich nie Wild begegnet. Heute ohne Nebel und im Dämmerlicht. Ich werfe den Ball auf die Wiese. „Haaalloooo??“, ruft es laut von irgendwo. Och nö. Ich möchte bitte nicht morgens um viertel vor sechs einen dementen Opi im Feld finden, oder so, denke ich, während ich mich suchend im Kreis drehe. Da ist niemand. Es bleibt still. Merkwürdig, aber soll mir recht sein. Hundert Meter weiter meldet sich die Stimme wieder „Halllloooo? Würden Sie BITTE MAL den HUND FEST machen?“ Ok, ich bin verwirrt, mache den Hund fest und gehe weiter. Hinter der Hecke steht ein Auto, unter dem Hochsitz und jetzt kann ich es erkennen, auf dem Hochsitz sitzt jemand. Ich hebe grüßend die Hand und sage laut, dass ich erleichtert bin, ihn zu sehen, weil ich nämlich dachte, ich höre Stimmen. „Tjaaa, er wollte ja eigentlich hier, aber das ist jetzt rum“, murmelt der Jäger, der direkt unter dem Hochsitz parkt. Tjaa, sorry, not sorry, denke ich, und lasse den Hund hinter der nächsten Wegbiegung wieder laufen.

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Im Wald wurde ein Weg markiert. An jeder Abzweigung drei hellgelbe Pfeile auf den Boden gesprüht, Flatterband am nächsten Baum in Sichthöhe und Pfeile mit Reflektorband an Pfosten, eindeutiger gehts nicht, man fragt sich… ah – Wanderabenteuer. Die Freundin hat es auch gesehen, auf ihren Hunderunden und während wir Spekulatius essend am Tisch sitzen machen wir uns Gedanken. Die Streckenführung geht den Eselspfad hoch, im Ort einmal über die Straße und auf der anderen Seite zurück in den Wald und über einen ausgespülten Kiesweg wieder runter. Der Eselspfad heißt nicht ohne Grund so, das ist ein Trampelpfad im Wald mit vielen Höhenmeter. Keine richtig gute Idee da lang zu laufen, abends um zehn, wenn es stockduster ist, würde man meinen, zumal man ja wenige hundert Meter die Straße runter und über einen Teerweg geradeaus laufen könnte, um genau da anzukommen, wo der Kiesweg wieder rauskommt. Aber – wenn es 80 Euro kostet und man ein T-Shirt bekommt, finden die Leute das offensichtlich toll. Warum sind wir da nicht drauf gekommen?

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Irgendwas scheint an der Grillhütte los zu sein, meldet der Liebste nach der letzten Hunderunde. Allerdings ohne Musik und nur spärlich beleuchtet, klingt nach einer Anwohner-freundlichen Abendveranstaltung, da kann man sich ruhig mal drüber freuen. Am nächsten Morgen meldet der Dorfchat, dass die Feuerwehr einen Baum gepflanzt habe. Man wundert sich. Die Auflösung kommt wenige Tage später, es läuft irgendeine Challenge, bei der Firmen und Vereine sich gegenseitig nominieren. Die Nominierten müssen dann innerhalb von 48 Stunden einen Baum pflanzen oder der örtlichen Kita Eis spendieren. Schöne Sache.

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Vor uns fährt ein Traktor auf die Straße. Ein für heutige Verhältnisse sehr kleiner, mit einem Ladewagen dahinter, den man vom Auto aus einsehen kann. Auf der Ladefläche stehen fünf Bratpfannen in haushaltsüblichen Größen. Drei davon gestapelt, zwei jeweils einzeln daneben. Sonst nichts. Fragt man sich, woher, wohin und wieso wohl…

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Dinge tun sich an Arbeitsplätzen, verschiedene, aber natürlich an allen Arbeitsplätzen zur gleichen Zeit und wo wir schon dabei sind – Schulentlassungsfeier Anfang Juni steht in der Elternpost, vorher natürlich noch Abschlussfahrt und alles andere, zum ersten Mal bemerken wir, wie kurz dieses Schuljahr sein wird. Man wappnet sich innerlich.

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Die Frage war noch halb scherzhaft gemeint, aber da hat tatsächlich jemand schon einen Weihnachtswunsch. Wie gut, dass ich gefragt habe, denn auf sowas wäre ich in hundert Jahren nicht von selber gekommen. Geklickt, bestellt, geliefert, an die Haustür, genau an dem Tag, der angesagt war. Kein Vergleich zum Einkauf im Advent. Und wegen des großen Erfolgs im letzen Jahr gleich noch Karten für ein vorweihnachtliches Kulturerlebnis- Geschenk geordert. Ich liege sowas von gut in der Zeit dies Jahr.

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„Ah ja, Bürgermeisterwahl, das ist ja heute, stimmt. Der S. hat gestern schon geflucht, dass er da am Sonntag rumsitzen muss…“ sagt Maikind, als wir uns auf den Weg machen, zum Wahllokal. „Der S. macht Wahlhelfer?“ wundere ich mich, „der wirkt garnicht so politisch interessiert.“ „Ist er auch nit“, sagt Maikind. Aber der Nachbarort verlost die Ehre des Wahlhelfertums unter allen wahlberechtigen Einwohnern, „und der S. hat eben gewonnen, höhöhö“, sagt er.

Sommersachen mit Urlaub

Ein neuer Stromzähler wurde eingebaut. Bis eben lief das Zählerrädchen einfach rückwarts, wenn mehr Strom reinkam als verbraucht wurde. Ab jetzt müssen wir den Strom fangfrisch selber verbrauchen, damit es sich lohnt. Das verändert routinierte Haushalts-Abläufe.

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Innerhalb von nur zwei Tagen geben drei Leute im Bekanntenkreis zu, in diesem Jahr garnicht zu verreisen, zu voll überall, zu warm, zu umständlich und eigentlich dafür dann unterm Strich zu teuer für zu wenig Erholung und ach, wir habens doch auch schön hier. Verstehe ich sehr gut, aber dieses Jahr haben wir was vor.

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Es tun sich Sachen an Arbeitsstellen. Gute Sachen, aber ein bisschen umständlich. Zeiten verschieben sich, Abläufe und Pläne damit auch. Aber irgendwann ist dann tatsächlich Urlaub.

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Seit gestern sei offiziell Niedrigwasser, wir müssten also mit zwei Kanus fahren, hatte der Mann am Telefon gesagt. Kein Problem. Bis kurz vor dem Einstieg überlegen wir, was das denn heute wohl für Wetter sein will? Sonnenbrille?Lange Ärmel? Nach kurzer Einweisung geht es los. Julikind stimmt fröhlich das Lied aus dem Pocahontas-Film und – „ach guck – deswegen also diese Melodie“, nach fünf Sekunden paddeln wir im gleichen Takt. Problem ist nur, dass wir nicht im selben Boot sitzen und die Jungs, die jeweils hinter uns sitzen noch technische Details besprechen. Es dauert etwas, bis wir wirklich in die geplante Richtung fahren. Die Eder sieht vom Wasser aus nochmal ganz anders auch. Ein schöner Ferientag.

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„Tja äh“, sage ich zum freundlich lächelnden Mann hinter dem Museumstresen, „wir sind eine Familie, 5 Leute über 18, eine davon Studierende, plus eine Schülerin und wir hätten gern den bestmöglichen Preis.“ „Tja, äh“, sagt der Mann und guckt auf seinen Monitor. Am besten wäre es wohl, wenn wir ein Familienticket plus zwei Erwachsene… ich schaue mich nach hinten um, die Reisegruppe nickt. Ist günstiger als zwei Kleinfamilientickets. Dann machen wir das so. „und? Sie sind wirklich alle eine Familie?“, fragt der Mann ehrlich erstaunt nach, während die Eintrittskarten gedruckt werden. Jo. „ah der Studierendenausweis“, sagt Märzkind und fängt an in ihrer Tasche zu kramen, „nee, nee braucht er nicht“, sagt der Mann und reicht fröhlich einen halben Meter Eintrittskarten rüber.

Urlaub zu sechst bei herrlichem Sommerwetter. Baden im See, Wasserballspiele, bisschen Kultur und viel gutes Essen. Abends sitzen wir lange draußen, in T-shirts und kurzen Hosen, das hatten wir die ganzen Ferien noch nicht. Es riecht nach Mückenspray und Sonnencreme. Am Ende der Woche sind wir fast ein bisschen erstaunt, wie gut das alles geklappt hat.

Zu Hause war es währenddessen nicht nur warm sondern heiß. Die ersten Bäume sind erkennbar gelb geworden in den paar Tagen. Am nächsten Morgen dann Hunderunde durch dichten Nebel bei 10°C und mit Gedanken an Handschuhe und Spekulatius. Gestern um diese Zeit war ich schwimmen im See. Es gibt keine Übergange mehr.

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Der Lehmputz trocknet immernoch vor sich hin.

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Zack. Sechs Wochen Sommerferien rum. Schulstart mit nur einem großen Schulkind läuft völlig stressfrei. Drei Schnellhefter müssen besorgt und zwei Bücher eingeschlagen werden, irgendwann im Lauf der ersten Woche. Kurz bin ich in Gedanken bei all denen, die heute nachmittag da raus müssen um Kieserblöcke in Lineatur zwei und sonstigen Kram zu besorgen, dann gehe ich in den Garten und freue mich über einen freien Nachmittag.